Von Faouzi Kaidi
Mohamed Abdelrahman (Jahrgang 1962) ist Ägypter. Er lebt in der Schweiz seit 1991. Im Jahre 1997 erhielt er die erleichterte Einbürgerung. Er ist mit einer Schweizerin aus dem Kanton Fribourg seit 15 Jahren verheiratet.
Seit 2002 arbeitet er in Bern im Inselspital als Koordinator in einer Abteilung namens International Service Line. Diese ist administrativ für Patienten ohne Domizil in Schweiz zuständig. Mohamed Abdelrahman betreut hauptsächlich Patienten aus den arabisch sprechenden Ländern.
Ich habe mit ihm folgendes Gespräch über die Integration der Ausländer in der Schweiz geführt:
FK: Herr Abdelrahman, welche Traditionen und Gewohnheiten möchten Sie aus Ihrem Heimatland Ägypten in die Schweiz mitnehmen und behalten?
MAR: Die Frage in dieser Form ist, meiner Meinung nach, unvollständig! Um heikle Themen zu vermeiden wird man die Frage so diplomatisch beantworten: „das ist individuell!! oder jeder Mensch ist anders“. Die meisten Befragten würden nur über die Traditionen ihrer Familienzusammenkünfte während der Feiertagen, Essrezepte, und spezial Getränke sprechen.
FK: Wie soll die Frage, Ihrer Meinung nach, lauten?
MAR: Welche Traditionen DARF man aus dem ursprünglichen Heimatland in die Schweiz mitnehmen? Oder muss man überhaupt diese mitnehmen und behalten, wenn man den Rest seines Lebens hier verbringt?
FK: Ist die Frage in dieser Form nicht zu direkt, provokativ und riecht sogar nach einer bestimmten politischen Richtung oder Ideologie?
MAR: Nein, ganz und gar nicht. Ich bin weder Anhänger einer bestimmten politischen Richtung noch sind meine Gedanken von einer Ideologie geprägt. Ich bezeichne mich als ein so genannte normaler Standart Bürger, der in Frieden seinen Alltag verbringen will. Ich möchte gleichzeitig bei solchen interessanten Gesprächen die Chance nicht versäumen, einen realistischen und tiefen Blick in das Zwischenmenschliche hineinzuwerfen. Somit wird die Diskunion Früchte tragen. Informationen über kulinarische Essrezepte, Cocktails und Spezial Familienfeste kann man im Internet oder im TV finden....
FK: Also gut, ich wiederhole die Frage nach Ihrem Format: Kann man Traditionen und Gewohnheiten aus der ursprünglichen Heimat mit in die Schweiz tragen und reibungslos ausleben, selbst denn wenn man den Rest des Lebens in der Schweiz verbringt?
MAR: Grundsätzlich JA. Das sollte in einem liberalen und Rechtsstaat wie die Schweiz kein Problem sein. Problematisch wird es erst, wenn diese Traditionen gegen die Gesetze des Lands verstossen. So sind Konflikte vorprogrammiert.
FK: Haben Sie einige Beispiele?
MAR: Ja, zum Beispiel die Debatte über das Halal-Fleisch bei den Moslems und Koscher bei den Juden. Gemäss traditionellen und religiösen Ritualen muss das Tier mit einem sehr scharfen Messer geschlachtet werden. Dazu werden besondere Gebete für das Tier gesprochen. Gemäss den Gesetzen in der Schweiz darf kein Tier ohne vorherige Betäubung geschlachtet werden. Dies wird von manchen Anhängern der beiden Religionsgemeinschaften nicht akzeptiert. Sie wollen gemäss ihrer strengen Tradition und religiösen Vorschriften die Tiere ohne Betäubung schlachten.
FK: Und was tun die strenggläubige Moslems und Juden? Essen sie überhaupt kein Fleisch in der Schweiz?
MAR: Manche importieren das Fleisch aus Frankreich. Dort ist es erlaubt in einigen jüdischen und islamischen Schlachthöfen Tiere buchstäblich nach den alten Ritualen beider Religionen zu schlachten. Dieser Import finde ich OK, sofern die importierten Produkte dem Schweizer Gesetz entsprechen. Andere schlachten Ihre Tiere heimlich bei sich zu Hause. Insbesondere während dem Opferfest der Moslems (Eidul Adhaa). Und das ist ein klarer Verstoss gegen das Gesetz in der Schweiz
FK: Aber wir haben hier in der Schweiz viele Metzger, die Halal-Fleisch verkaufen! Heisst das sie importieren Alle ihr Fleisch aus Frankreich?
MAR: Nein nicht Alle, im Kanton Baselland gibt es ein islamisch türkischen Schlachthof, wo gemäss islamischen Ritualen geschlachtet wird aber man muss die Tiere vorher betäuben. So war die Abmachung mit dem Staat. Die meisten Halal-Fleisch Metzger kaufen ihr Fleisch dort.
FK: Also, ein Kompromiss?
MAR: Genau...
FK: Wo liegt dann das Problem?
MAR: Manche Anhänger beider Religionsgemeinschaften akzeptieren diesen Kompromiss nicht. Sie gehen sogar so weit und meinen, wenn kein Geistlicher nicht anwesend beim Schlachten ist um die Gebete für die Tiere zu sprechen und das Fleisch abzusegnen, gilt dieses Fleisch nicht als Halal oder Koscher.
FK: Wie kann man so ein Problem lösen?
MAR: Verschiedene Institutionen in der Schweiz müssen seriöse Aufklärungsbemühungen mit intensiven Programmen starten um die Anhänger dieser Ritualen zu überzeugen, dass solche gesetzwidrigen Traditionen und Gebräuche keinen Platz mehr haben in unserer modernen Zeit und gar nicht in einer zivilisierten Gesellschaft.
FK: Der französische Staat erlaubt sie. Ist die französische Gesellschaft nicht modern?
MAR: Die Antwort auf diese Frage möchte ich den Franzosen überlassen
FK: Und wie wollen Sie die Anhänger dieser Ritualen überzeugen ihre Traditionen aufzugeben?
MAR: Ich will nicht, dass sie ihre Traditionen aufgeben. Ich wünsche, dass sie diese Traditionen zeitgemäss modernisieren. Wir müssen nicht vergessen, dass solche Gebräuche in vielen von ihren ursprünglichen Heimatländern inakzeptabel oder sogar verboten sind. In einem Land wie Ägypten ist es grundsätzlich verboten ausserhalb der staatlichen Schlachthöfe zu schlachten. Diese Regeln werden während des Opferfests für einpaar Tage gelockert. Und selbst da das Schlachten in der Öffentlichkeit wird von vielen moderaten Imame scharf kretisiert. Wir müssen uns immer wieder die Frage stellen: warum hat Gott dieses und jenes verboten oder vorgeschrieben? Was ist der Sinn von einem Gebot? Früher mussten die Menschen die Tiere so schlachten wegen Hygiene und um das Tier von der Qual des Schlachtens zu schonen. Deswegen waren die strengen Vorschriften notwendig
FK: Und heute....?
MAR: Heute Zutage besitzen wir modernere Mittel, die man auch als Gottesgabe betrachten kann. Diese Mittel können effizientere Hygiene und das Erbarmen für das geschlachteten Tier gewährleisten......
FK: Meinen Sie zum Beispiel Betäubungsgräte und Kühlschränke?
MAR: .......ja zum Beispiel. Die Gebete für das Tier kann jeder Gläubige beim Essen oder beim Kochen durchführen. Wir haben alle anderen modernen Mittel wie Autos, Computer, Fernseher, usw. akzeptiert. Warum gilt dasselbe nicht für das Tierschlachten?
FK: Habe ich Sie richtig verstanden? Sie meinen damit, dass jedes Fleisch als Halal-Fleisch gilt, wenn man selbst vor dem Kochen oder beim Essen die vorgeschriebene Gebete durchführt. Egal ob das Tier in einem islamischen oder anders Gläubigen Schlachthöfen geschlachtet wurde?
MAR: Genau so...Dies ist nicht nur meine einige Meinung. Dies ist auch die Meinung vieler islamischen Gelehrte und Denker. Beispielsweise der Imam Mohamed Abdou und sein Lehrer Scheich Jamalu Edin Alafghani . Beide waren die grössten Aufklärer und Reformer der islamischen Lehren im letzten Jahrhundert.
FK: Viele Geistliche und Religionsgelehrte behaupten, dass die heilige Schriften alles geregelt hatten. Wir brauchen heute deshalb keine neuen Auslegungen. Die Gläubigen sind verpflichtet sich zu bemühen alles daran zu setzen die Vorschriften Gottes zu folgen. Man darf sie nur in den absoluten Notfällen ausweichen.. Was meinen Sie dazu?
MAR: Das sind natürlich die Aussagen Jenen, die panische Angst haben irgendetwas zu ändern. Die Realität und die Geschichte zeigen uns ganz ein anderes Bild. Viele heilige Texte wurden neu definiert als die Wissenschaft beweisen konnte, dass die alte Auslegungen nicht stimmen. Dies ist schon in vielen Themen passiert
FK: Geben Sie mir einige Beispiele?
MAR: Die katholische Kirche und viele islamische Gelehrten hatten sich am Anfang sehr schwer getan mit der Tatsache, dass die Erde rund ist. Die Kirche fand dies als Ketzerei und Blasphemie. Islamische Gelehrten zu jener Zeit fanden diese Erklärung ein klarer Widerspruch mit dem Koran Vers: „Gott hat die Erde für euch als Ebene geschaffen (Surat Noah, Vers 19) „ Heute stellt sich niemand quer gegen diese Tatsache und die heilige Texte wurden neu interpretiert. Das ist also möglich....
FK: Hätten Sie noch andere Beispiele?
MAR: Ja, in Surat Luqman, Vers 34:
„Wahrlich, bei Allah allein ist die Kenntnis der «Stunde». Er sendet den Regen nieder, und Er weiß, was in den Mutterleiben(Al Ar-haam) ist “
Das sind nicht einmal einigen Jahren her, als fast alle islamische Gelehrten diesen Vers so interpretierten: „ Keiner, nur Gott allein, kann wissen, ob das Baby im Mutterleib ein Bub oder ein Mädchen ist „
Die Wissenschaft hat diese Auslegung widerlegt und durch die Erfindung der Ultraschalgeräte können wir heute das Geschlecht des Babys vor seiner Geburt erkennen.
FK: Und wie haben die islamische Gelehrte auf so eine unbestrittene Tatsache reagiert?
MAR: Sie mussten den Text völlig neu interpretieren. Nämlich so: Gott weiss, was in den Mutterleiben liegt, bedeutet, dass er allein weiss, was in den Inneren der Menschen liegt wie Gewissen, Gedanken oder Gefühle. Also neue Erklärungen nach neuen wissenschaftlichen Kenntnissen sind doch möglich......
FK: Das braucht aber sehr lange Zeit bis so eine starke Änderung in der Mentalität mancher Gläubigen stattfinden könnte..
MAR: Richtig, aber man muss anfangen. Ein arabisches Sprichwort lautet:
Anstatt die Zeit zu vergeuden der Dunkelheit zu fluchen,
sollte man lieber eine Kerze zum Anzünden suchen
FK: Nach Ihrer Erfahrung welche Traditionen können die Schweizer von den Immigranten lernen oder mindestens gutheissen?
MAR: Sehr viele. Ich erlebe fast jeden Tag in meiner Arbeit wie stark sind viele Immigranten zum Beispiel aus dem Balken- und Mittelmeerraum für die Probleme ihrer Familien in den Herkunftsländern sehr engagiert sind. Wenn jemand in der Familie krank ist und dort keine Möglichkeit auf erfolgreiche medizinischen Behandlungen hat, unternehmen die Verwandten in der Schweiz mit einer bewundernswerten Hartnäckigkeit alles, damit der Patient/in hier zur Behandlung kommen kann. Ich habe einen grossen Respekt für dieses Verhalten. Ich hatte nie den Eindruck, dass sie solche Hilfe aus lauter Pseudo-Familienzusammenhalt anbieten sondern sie tun es vom Herzen. Von so einem starken Sozialengemengt können wir in Schweiz viel lernen.
FK: Und Sie Herr Abdelrahman, was haben Sie aus Ägypten mitgenommen? Essen Sie zum Beispiel nur Halal-Fleish?!!
MAR: (er schmunzelt) Wenn ich ein Halal-Fleisch Metzger in der Nähe finde, dann Ja. Ein gutes Lammgigot aus der Metzgerei der Coop in Marly kann ich ohne schlechtes Gewissen auch geniessen.
FK: Und was noch?
MAR: Der ägyptische Charme, der mediterrane Temperament und die blumige arabische Sprache mit ihren unzähligen Sprichwörtern.
FK: Auch etwas negatives..?
MAR: (er lacht) Ja natürlich. Meine Kollegen und Freunde werfen mir immer wieder vor, ich sei zu laut, vor allem wenn ich telefoniere und arabisch spreche. Sie hätten den Eindruck, ich streite...
FK: Tun Sie etwas dagegen..?
MAR: Ich versuche mich zu verbessern. Es klappt ein mal und dreimal nicht. Wenn ich arabisch am Telefon spreche, vergesse ich manchmal, dass ich in der Schweiz bin. Ich hab Zehn Jahre in Ägypten als Fremdenführer gearbeitet. Die laute Stimme war dann ein Vorteil und wurde sogar bei einem Guide touristique gelobt. Heut wo ich in einem Büro arbeite, fehlt mir schwer diese negative Eigenschaft zu bezähmen. Vielleicht soll ich mich eines Tages bei einem Stimm -Therapeut melden
FK: Zum Abschluss unseres Gespräches, welche Botschaft möchten Sie Ihre Landsleute vermitteln?
MAR: Meinen Sie die Ägypter oder die Schweizer?? (er lacht)
FK: beide…
MAR: An meine Landsleute aus Ägypten: „ Wir leben hier in der Schweiz zu Hause. So müssen wir uns nicht als Passagiere in einem Transitflughafen verhalten "
FK: Und an die Schweizer?
MAR: Ein ägyptisches Sprichwort lautet: „ Eine einzelne Hand kann nicht klatschen. Zum Applaudieren braucht man zwei Hände “
FK: Herr Abdelrahman,
Vielen Dank für dieses Gespräch
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